Urn, Diabolical, Interment - Festung, Bitterfeld

erstellt von Germanenhelga am 11.12.10

DIABOLICAL, URN, INTERMENT – das ergibt in direkter Übersetzung die anmutige Phrase „Beisetzung der diabolischen Urne“, womit der grobe Plan für den heutigen Sonnabend in Bitterfeld steht. Die drei skandinavischen Bands machen der hiesigen Festung im Rahmen ihrer „Black Steel Worship“-Tour die Aufwartung und der Füllstand des Gemäuers ist trotz der jüngsten medialen Begeisterung für alles, was irgendwie nach 1990er Jahren klingt, vergleichsweise niedrig – vielleicht sind dem geneigten Fan 13 € dann doch etwas happig, vielleicht wird die Kohle aber auch nur für die jüngste Welle von Vinyl-Auflagen und allerlei Nostalgia benötigt.

INTERMENT lassen sich davon nur bedingt beeindrucken und beginnen ihren Set mit einer knappen Stunde Verspätung gegen 22 Uhr. Warum genau die traditionsträchtige Verbindung aus Nominon- und Demonical-Mitgliedern den Opener gibt ist unklar, denn vom Start weg versammelt sich die überwiegende Mehrheit der Anwesenden vor den Brettern, wo sie bei bestem Sunlight-Sound von unkomplizierten Brettern in Empfang genommen werden. Mit saftig sägenden Gitarren und der stilistischen Bandbreite von doppelseitigem Klebeband – ein schneller Song und ein etwas schnellerer – wird dem Affen folglich Zucker gegeben: Unruhige Träume („Dreaming In Dead“), die Erde öffnet sich („Torn From The Grave“), höllische Horden („Breeding Spawn“) sterben tausend Tode („Morbid Death“), und übrig bleibt eigentlich nur noch „Infestering Flesh“.
Klar, dass die Abwechslung inmitten dieser diabolischen Hatz ein wenig aus dem Blick gerät, gewissermaßen Motörhead ohne Mitgröhlfaktor, dafür bewegt man sich in Sachen Lautstärke permanent am oberen Ende der Wohlfühlskala. Für INTERMENT indes ist das heute gar nicht mal so schlecht: So kann die musikalisch im Grunde blutarme Hommage an „bessere Zeiten“ ihre Wirkung über reine physische Gewalt entfalten, ohne sich mit Nebensächlichkeiten wie songschreiberischer Finesse oder Interaktion abzugeben. Und für 30 Minuten gelingt das den Schweden dann auch ziemlich gut.

Etwas filigraner gehen anschließend DIABOLICAL zu Werke, die diesen Schritt hin zu komplexerer Rhythmik und diversen melodischen Versatzstücken allerdings mit initialem Zuschauerschwund bezahlen müssen. Wo man bei Interment noch maximal 10 Sekunden benötigte, um den vorherrschenden Takt des jeweiligen Stückes zu erfassen und sich anschließend für ein bis zwei Minuten sagte „Durchhalten, Dicker!“, arbeiten die Landsmänner gerne einmal mit fiesen Breaks, versetzten Einschüben und atmosphärischen Tupfern, die dem ein oder anderen Halswirbel verschmitzt grinsend ein leises Adé mit auf den Weg geben.
Das fällt bei älteren Nummern - wie dem „Synergy“-Opener „Suicidal Glory“ - noch nicht ganz so stark ins Gewicht, entfaltet dafür jedoch gerade beim aktuellem Material seine volle Wirkung: „Eye“ beispielsweise ist prinzipiell ein absolut tauglicher Brecher, der vor Energie und Atmosphäre nur so strotzt – am heutigen Abend allerdings will die Mischung aus Hackbrett und Melodie einfach nicht zünden. Auch „Children Of The Mushroom Cloud“, der vielleicht coolste Song des Abends, ändert wenig an diesem Umstand, ebenso wie die gelungenen Soli und der vielleicht teddybärigste Zweitsänger aller Zeiten.
Im Endeffekt spielen DIABOLICAL einen gelungenen Gig, der von interessantem Songmaterial über Bewegung auf der Bühne bis hin zum sympathischen Gesamteindruck alles hat, was man von gut gemachtem Death Metal erwarten (und selbst nach dem zweiten Glühwein nachvollziehen) kann. Dass es dennoch nicht reicht, liegt heute vielleicht am etwas unterkühlten Publikum – oder daran, dass hier einfach nicht stumpf genug geschrotet wird.

Das ändert sich indes mit URN, die in Sachen Bühnendeko schon vor dem Konzert Akzente setzen: Ein schicker Ziegenschädel aus Pappmaché wird auf ein umgedrehtes Kreuz gepflanzt, das Konstrukt mit der Nebelmaschine verbunden, und fertig ist der rauchende Baphomet. Dazu wabert gespenstischer Dunst durch den Raum, während das „Hellbangers Tampere“-Banner im Hintergrund erste Hinweise zur musikalischen Ausrichtung liefert: Wer mit einem Songtitel namens „Hellbangers“ etwas anfangen kann, wird im Anschluss nur wenige Überraschungen erleben und sich maximal mit ein paar Imagekorrekturen arrangieren müssen.
Letzteres fängt bereits beim optischen Eindruck an, denn URN bedienen sich zumindest in Ansätzen der alten Kunst des Corpsepaints, zeitgemäß ergänzt um Sonnenbrillen und die obligatorische Assi-Rockstar-Attitüde. Das ergibt in der Quersumme etwa „Nuclear Fuck You Thrash Metal“, erwartungsgemäß der guten alten Rasierapparat-Schule verbunden und dem entsprechend zu gleichen Teilen blechern sägend und pappig nagelnd. Nicht falsch verstehen: Der Sound ist vorzüglich abgemischt, mit trockenen Obertönen, einem Hauch von Bass, angenehm schneidenden Vocals, und allem sonstigen Ornat der wahren Schule, die mit den Feinheiten moderner Tontechnik nach analoger Erfüllung strebt. Dazu diese leicht unterkühlte Räudigkeit, die auch Impaled Nazarene bisweilen versprühen – fertig ist der finnische Mad Max-Lack.
Positiv wirkt sich im akustischen Blitzkrieg der allgemein steigende Zuspruch aus: Neben Interment scheinen URN für die meisten Gäste wohl der Hauptgrund des Besuchs zu sein, was für diverse Mosh-Nester in den vorderen Reihen sorgt. Dass die Finnen innerhalb ihrer Genregrenzen geschickt variieren, dem Thrash wahlweise schwarzes oder klassisches Metall zur Seite stellen, macht URN sogar abwechslungsreich – zumindest, bis der Schienenersatzverkehr den Abend ein wenig zu früh beendet. Dennoch: Ein würdiger Headliner waren URN bis hierher auf jeden Fall.

Abschließend bleibt zu sagen, dass die Zusammenstellung des Pakets überzeugen konnte – drei stilistisch verwandte, aber einander nicht allzu ähnliche Bands sind im Zeitalter der „30 Euro für 8 Bands in 4 Stunden“-Konzerte eine willkommene Abwechslung, die es durchaus öfter geben dürfte. Wenn dazu dann auch noch in kleinen Bechern Glühwein ausgeschenkt wird, lassen sich die relativ kurzen Spielzeiten ebenfalls verschmerzen, zumal daran auch das bisweilen distanziert wirkende Publikum einen Anteil gehabt haben dürfte. Bleibt unterm Strich ein unterhaltsamer Abend für friends of the harder gangway.

Bericht: rs. (Vielen Dank!)


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