In Semper Diabolica - Halle 5 e.V., Leipzig

erstellt von Germanenhelga am 30.11.11

Nach dem, was uns die Meteorologen mit wackeliger Stimme als Sommer verkaufen wollten, freut man sich fast ein wenig auf die Indoorsaison, die des Metallers Trinität - Bier, Schweiß und Nackenschmerz - wieder in geschlossene Räumlichkeiten verlegt: Kein Schlamm vor der Bühne, kein Aggregat neben dem Zelt, und schon gar kein frittiertes Abendmahl. So lässt sich dann auch der Andrang erklären, der beim Herbstauftakt der Metalheadz herrscht: Gegen 21 Uhr ist nicht nur die Halle 5 ganz gut gefüllt, sondern auch der zugehörige Vorplatz kann als Raucherreservat bei nicht wenigen punkten.

Dass SLAUGHTERED EXISTENCE die Party in knallengen Jeans und Kutte bereits eröffnet haben, als wir mit halbleeren Getränkebehältern den Ort des Geschehens entern, ist bedauerlich und dann doch nicht zu ändern: Für die sichtlich gut gelaunten Jungspunde beginnt die Aftershow wie für uns der Abend: Mit schwarzmetallischen Gründerzeit-Epen von VENT.Die aus diversen Local Heroes zusammengewürfelte Truppe serviert im derzeit angesagten “Ich bin nur dreckig, das ist kein”-Corpsepaint eine schöne Oldschool-Breitseite, die aufgrund des hallig-räudigen Gitarrenklangs und der guten Gesangsleistung nach einer Mischung aus etwas Zombiefilm und viel schwarzer Messe klingt. Dabei fällt schnell auf, dass der Sound insgesamt eher retro als originalgetreu angelegt ist, und das simpel strukturierte Inferno wirkt durch psychotische Melodiefragmente und die DSBM-nahen Vokaleinschübe frischer, als man das von einer Band dieser konservativen Ausrichtung erwartet hätte. GOAT FUNERAL sind mir folglich spontan in den Kopf gekommen, während die den Abend über konstant rotlastige Ausleuchtung der Bühne für das gewisse Quäntchen Hölle sorgt, zu dem man sich das Leben nicht selbst machen kann. Da müssen Profis wie eben VENT ran.
Natürlich gibt es innerhalb der oftmals überraschend ausladenden Kompositionen auch ein paar Längen, doch im Großen und Ganzen machen VENT heute Abend alles richtig und verabschieden sich mit einem Cover von BATHORY (?) angemessen hochwertig. Wirklich empfehlenswerte Liveband.

Nach kurzer Umbaupause gibt es von den unvergleichlich betitelten BITCHHAMMER den namengebenden Malleus in die kraniale Resterampe. Die junge Truppe hat sich mit ihrer Mischung aus 80s-Speed und fetter Black Metal-Kante durchaus einen Ruf erspielt und kann selbigem heute auf ganzer Linie gerecht werden, da der fistraisende Speedtrain selbst bei Unkenntnis der einzelnen Stücke die spröden Loden vom Ballon prügelt. Das Rezept hierzu ist simpel genug: BITCHHAMMER jucken in technisch einwandfreier Dörtigkeit einfach sämtliche Kultknöpfe auf 11 - von brummender Gitarre und dreiklangverliebtem Bass, bis hin zum unvermeidlichen Uffta-Rhythmus - und sorgen so trotz ihrer an VON gemahnenden Komplexitätsverweigerung für schweißbedeckte, aber glückliche Gesichter. In Sachen Draht zum Publikum vielleicht sogar die Band des Abends.
Vor diesem Hintergrund fällt die gar nicht mal extrovertierte Performance kaum auf: Hier wird mit Herz und Seele Musik gemacht, die angesichts der versammelten 80s-Revival-Jugend fast schon das Prädikat “generationsübergreifend” verdient, und WARHAMMER werden es aller Voraussicht nach schwer haben, da noch eine Kelle drauf zu legen.

Sie machen es sich aber auch nicht leicht: Schon als die Band die Bretter betritt, fällt auf, dass die vom Way Of Darkness in Erinnerung gebliebene rot-schwarz-gestreifte Hose heute fehlt. Dabei weiß eigentlich jedes Kind, dass auf Metalkonzerten ohne Längsstreifen in rot und schwarz oder in weiß und verwaschen-blau gar nix geht!
Um diese Auftaktschlappe auszugleichen, legen die drei Jungs von der Punkstelle dann aber musikalisch nach und lassen ihr kuscheliges HELL-fuckin’-HAMMER/old SODOM-Biest von der Leine. Das Geilste an dieser rudimentären Art von Musik ist ja der selbstbewusste Verzicht auf alles, dem man im Nachhinein auch nur annähernd philosophisches Potenzial unterstellen könnte - WARHAMMER zocken sich weit südlich jeglicher Reflexionsebene durch einen abgefeierten Set, der mit dem allgegenwärtigen “Ugh!” ganz gut beschrieben ist und durch Covergranaten des Kalibers “Plunging Into Megadeth” (HALLOWS EVE) weiter aufgewertet wird. Dass die vereinzelt eingestreuten Stücke mit angezogener Handbremse Geschmackssache sind, versteht sich von selbst - gemessen an den schweißgetränkten Reaktionen im vorderen Bereich der Halle 5, schmeckt es heute allerdings den meisten. Logisch: It’s as close to Abwechslung as it gets.
Insgesamt eine im besten Sinne souveräne Vorstellung der Mannschaft aus Nordrhein-Westfalen, wie auch die zur Neige gehenden Biervorräte deutlich zeigen…

…und damit zur Premiere des Abends: Noch vor der letzten Band gibt es in der Halle 5 kein Bier mehr, das diesen Namen auch verdient. Fassbier alle, kurz darauf Beck’s alle, Heineken im Grunde bestenfalls Bierersatzlösung, aber dennoch ebenfalls bald alle. Wer auch immer für die Getränkeplanung zuständig ist, sollte vorm nächsten Blackened-Deadly-Thrash-Inferno schleunigst fernmündlich beim Dosendealer seines Vertrauens vorstellig werden und dort ein oder zwei Fässer Pufferbier drauflegen lassen. Sonst wird das nämlich nix mit dem DELIRIUM TREMENS.
Selbige müssen zunächst folglich ohne uns zocken, da der Weg ins nahegelegene Werk 3 etwas Zeit in Anspruch nimmt - der Lohn für die Mühe ist Gerstensaft im formschönen Plastikbecher, der die Rückkehr zum subjektiven Triumphmarsch geraten lässt und für das ein oder andere neiderfüllte Antlitz sorgt.
DELIRIUM TREMENS haben die Anwesenden derweil schon ordentlich angefixt, was mit den zwischen schnell und schneller pendelnden Songs und dem charakteristischen DESTRUCTION-Touch im Gesang zusammenhängen könnte: Thrash ist wenn jede zweite Zeile in einem hochtonigen Schlenker endet, den man als Schmier-Gedächtnis-”-jieau!” bezeichnen könnte, während Gitarren und Schlagzeug unisono um die Wette rödeln. Die Bamberger wissen das, beschränken sich dem entsprechend auf die absoluten Basics und fahren damit heute verdammt gut, was trotz diverser Ausfallerscheinungen im Publikum für einen gelungenen Abschluss der Veranstaltung sorgt.

Ein Fazit war selten einfacher, denn der Herbstauftakt der Metalheadz hat 2011 in allen Belangen überzeugt: Die Bands waren spielfreudig, das Publikum zahlreich und feierwütig, der Sound kompakt und innerhalb gewisser Grenzen durchaus nuanciert (VENT beispielsweise klangen angenehm dreckig), und vom Ende der Biervorräte kann man noch seinen Kindern erzählen. So wird aus Geschichte Legende, aus Legende schließlich Mythos, und in 20 Jahren gab es dann wahrscheinlich schon nach BITCH HAMMER kein einziges Getränk mehr in ganz Leipzig…
Wer das verpasst hat, sollte eine heimliche Träne verdrücken und die Kutte umgehend für das nächste Date flottmachen.

Bericht: rs. (Vielen Dank!)


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