Festung Open Air - Flugplatz, Renneritz (Samstag)

erstellt von Germanenhelga am 02.06.10

Es ist Pfingsten und wer in Leipzig nicht von einer schwarzen Patchouliwelle erstickt und überrollt werden möchte, ergreift die Flucht. Hastig verfrachte ich meine Begleitung und einen Picknickkorb ins Auto, bevor es gen Renneritz zum Festung Open Air geht; also raus aus dem Großstadtmief, rein in die ländliche Idylle. Hier steht der Raps in voller Blüte und zwischen den Feldern liegt eingekuschelt das schnieke Festivalgelände. Im Vergleich zu anderen Festivals ist hier alles übersichtlich - der Zeltplatz, das Publikum, das Gelände vor der Bühne, die Anzahl der Dixis und der Stände. Security sehe ich auf den ersten Blick keine, was ich als sehr angenehm empfinde, denn das zeugt von recht ausgeglichenen Besuchern. Man tuckert also vollkommen unbelästigt auf den Zeltplatz und hat schlagartig gute Laune. Nachdem wir uns kurz ein Bild der Lage gemacht haben, schlendern wir Richtung Bühne. Am Einlass werden wir knapp gefilzt, das war’s dann.

Die Bühne hat in etwa die Größe einer Hutschachtel, auf der sich gerade die erste Band, der wir aufgrund von Verspätung lauschen können, in Position bringt; sehr darauf bedacht, sich gegenseitig nicht mit der Panflöte oder dem Gitarrenlauf die Augen auszustechen. Es ist natürlich von NEGURA BUNGET die Rede. Nachdem sich die Band von mehreren tragenden Elementen getrennt hat, darf man gespannt sein, ob und wie das hohe Niveau der Musik gehalten wird. Zunächst bekomme ich aber erstmal Ohrläppchenflattern, denn der Sound, der dieser kleinen Bühne entspringt, ist geradezu berstend, um nicht zu sagen, extrem laut! Aber gut! Die Mannen plus Dame bieten einen Streifzug durch die letzten zwei Alben und können mich voll überzeugen: Getragene, langsame Parts in Abwechslung zu schnellen, geholzten Passagen und den obligatorischen Panflöten- und Holzgeklöppel-Einstreuungen; kurzum: Guter, ausgefallener Black Metal. Leider kommen gerade die ruhigen Parts beim Publikum nicht ganz so gut an, was vielleicht auch daran liegt, dass es einfach mal strahlend hell ist und auch der übermässig eingesetzte Nebel keine düstere Atmosphäre aus der Kiste zaubern kann. Dementsprechend zurückhaltend ist die Meute und auch auf der Bühne strotzt man nicht gerade vor Agilität. Insgesamt gesehen aber dennoch ein guter, solider Auftritt, der zeigt, dass die Band trotz Neubesetzung zu begeistern weiß.

Die Jungs von VOMITOR aus Australien sind nun quasi das Kontrastprogramm zur sehr komplexen Musik von Negura Bunget: Kein Experimentieren, kein Firlefanz, kein Schwarzmetall, einfach nur Thrash Metal! Die einfach aber wirkungsvoll gestrickten Songs gehen ziemlich gut ins Ohr und weisen einen extremen Mitwippfaktor auf. In den ersten Reihen geht so richtig die Post ab und die Meute zeigt sich schwer angetan. Besonders witzig sind die von Sänger Death Dealer eingestreuten Kreischattacken, die einen schönen Kontrast zu seinen ansonsten rotzig-dreckigen Vocals bilden. Insgesamt kann man sagen, dass die Band allen ordentlich einheizt und ein strahlendes Publikum zurücklässt.

Wie die Ankündigung verlauten lässt, spielen die Norweger von GEHENNA zum ersten Mal seit 12 Jahren wieder in Deutschland. Schock, schwere Not! Mir fällt ein, dass ich den Auftritt vor über einer Dekade auf dem Under The Black Sun gesehen habe, wie sich das anhört!, und fühle mich plötzlich wie eine verhunzelte, alte Rosine…. Ist das wirklich schon so lange her?!? Damals waren sie jedenfalls richtig gut und auch heute zünden die Jungs ein kleines Black-Metal-Feuerwerk! Nachdem sich die Band in den letzten Jahren mehrfach neu definiert hatte, sind sie nun bei der neuen, äußerst beliebten Spielart des Black’n'Roll angekommen, die mir persönlich sehr entgegen kommt und auch das anwesende Publikum zum Haare kreiseln animiert. Geboten wird schleppender, grooviger Sound, der plötzlich in absolutes Geholze gipfelt und von schön kratzigen, gepressten Vocals untermalt wird. Die Meute in den ersten Reihen geht quasi voll aus sich raus und auch der Rest kann diesem Auftritt einiges abgewinnen. Für mich die beste Band des Abends und die Bemerkung meiner Begleitung, das sei Grufti-Mucke, überhöre ich ganz galant!

TULUS, ebenfalls aus Norwegen, die hier ihren ersten Auftritt in Deutschland überhaupt absolvieren obwohl sie schon seit 1993 am Start sind, beginnen mit einem pompösen, klassischen Intro (Edvard Grieg, wenn ich mich nicht täusche), schlagen dann aber in die gleiche musikalische Kerbe wie Gehenna. Auch hier gibt es Black’n'Roll à la Satyricon oder Vreid auf die Lauscherchen, der recht groovig daher kommt und von Sverres extrem gepresster Stimme und seiner Agilität lebt, leider aber auf die Dauer etwas zu monoton wirkt, was vor allem am Schlagzeug liegt. Ansonsten liefern die Jungs aus Oslo einen absolut überzeugenden Auftritt ab und sind für mich die zweitbeste Band des Abends!

Auch das Betthupferl des Abends, SAHG, kommt aus dem Land der Trolle, geht aber musikalisch in eine komplett andere Richtung. Als die Band loslegt, freue ich mich auf echten Heavy Metal, doch dann öffnet Sänger Olav den Mund und beginnt zu singen… Gut, das ist dann eher eine Mischung aus Heavy Metal, Rock, Doom und  Eierkneifstimme, die mir schon nach 1 Minute tierisch auf den Keks geht. Neben mir flüchten die ersten Blackmetaller gen Zeltplatz und auch ich muss mich echt zusammen nehmen, um die Band bis zum Schluss ertragen zu können. Richtig schlecht sind sie nicht, richtig gut aber auch nicht; das ist einfach nicht mein Terrain!

Fazit: Das Festung Open Air ist für Metaller, die, in Bezug auf die Bandauswahl, auf Klasse statt auf Masse setzen, sehr empfehlenswert! Hier bekommt man zwar nicht 20 Bands pro Tag geboten, dafür aber echte Raritäten! Das Festival ist, im Vergleich zu anderen Open Air, eher gemütlich als überlaufen, preiswert und relativ ruhig. Wer grölende Sauf-und-nur vor-dem-Zelt-grillen-Meuten erwartet oder liebt, ist hier definitiv falsch und sollte lieber auf größere Festivals fahren. Die Organisation verläuft reibungslos und überall findet man jemanden, der einem zur Not weiterhilft. Sehr angenehm fand ich die Unterpräsenz der Security: Kein Autodurchwühlen nach “gemeingefährlichen” Gurkengläsern, kein Abzählen der Getränke und kein sinnloses Betatschen am Einlass. Wer also in idyllischer Kulisse mit ein paar hundert anderen Metallern und sehr guter Musik ein gemütliches Wochenende verleben möchte, ist hier absolut an der richtigen Adresse!


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